Einführungsrede zur
Ausstellungseröffnung im Kunstverein München von
Monsignore Professor Otto Mauer, Wien
München, am 05.03.1969
Die Interpretation von gezeigten Kunstwerken ist immer subjektiv, und sie
reicht nie an das heran, was gezeigt wird, denn man könnte ja sonst
Kunstwerke sagen statt sie zu malen oder sie zu skulpieren. So seien also
einige wenige Gedanken versucht, die nicht um die Per-son von Arrigo
Wittler kreisen, sondern um die ge-zeigten Bilder und Graphiken.
Arrigo Wittler lebt bekanntlich in Ischia unter einem südlichen Himmel. Es
gibt dort große Strände, sicher auch Sand- und Schotterstrände, und man
könnte gleich den Arbeiten „Le Sable“ von Dubuffet alles das, was hier
gezeigt wird, auf dieses Erlebnis des endlosen Strandes zurückführen. Der
Charakter der endlosen Linie, die zufälligen Texturen und Strukturen, die
sich nachher als Schein erweisen, die den Charakter der Geworfenheit
haben, der Geworfenheit durch die Wellen des Meeres, von denen man sich
immer wieder fragt, ob hier jenes Muss am Werk ist, jenes Denken, jene
Weltvernunft oder das Gegenteil davon.
Die Griechen haben einen dramatischen Gegensatz zwischen dem Chaotischen
und Zufälligen einerseits gesehen und der Weltvernunft, wie sie Stoiker
und Pythagoräer erblickt haben, auf der anderen Seite. Diese antike
Duplizität und Dialektik drängt sich uns auf, wenn wir diese Dinge auf
diesen Bildern sehen. Wir haben den Eindruck, dass die Ausschnitte, die
hier gemacht wurden, den Charakter der Willkürlichkeit haben. Schließlich
ist das Auge eben ein willkürliches Instrument, das irgendetwas
herausschneidet, und erst das Denken des Menschen formt das
Heraus-geschnittene zu dem, was wir ein Bild nennen.
Auch die unendlich feine Nuancierung in der Farbe und die Nuancierung in
den Elementen scheint vom Strand genommen zu sein. Diese Dinge sind
einander so ähnlich, und sie sind doch wieder verschieden. Sie haben keine
Dialektik untereinander. Es ist eine Vielheit in Variationen, eine
Vielheit, die man unendlich variieren kann, und es ist der Charakter des
Fundstückes vorhanden.
Der Mensch sieht da seltene Dinge. Sie entschwinden ihm plötzlich wieder.
Sie können nicht festgenagelt werden, weil die nächste Welle sie wieder
entführt. Akzente sind selten, aber sie tauchen eben doch auf. So gibt es
auch Bilder, von denen man zunächst meint, sie haben den Charakter der
Homogenität, aber dann sieht man die eine oder andere Pointe, man sieht
das einfache Hervorstechen, das vielleicht nur leise ist, das man zuerst
übersehen hat. Das Ganze nimmt dann noch
den Charakter nicht von Zufälligkeit, sondern von Künstlichkeit, das heißt
eben von Kunst, an.
Wenn hier mikroskopische Durchschnitte vorhanden sind oder wenn
Makroskopisches hier reflektiert ist, etwa der Sternenhimmel, so ist es
doch auch so, dass das alles Materialcharakter hat. Alles, was hier
geboten wird, wird nicht als ein organisches, als funktional Eingeordnetes
angeboten, wird nicht in einem Ganzen so situiert, dass man seine
Sinnhaftigkeit sofort wahrnimmt und dass man weiß, dass das eine zum
anderen geordnet ist und ein Ganzes nicht nur als Stück, sondern als
Organismus bildet. Sondern es handelt sich um serielle Wiederholungen. Das
Serielle scheint geradezu ein Prinzip zu sein, aber nicht ein Prinzip der
Meditation, was es ja immer gewesen ist, sondern der Wiederholung in dem
Sinne der Tiefenschichtung, der Eruierung des Hintergrundes, sondern im
Sinne einer tatsächlichen Ober-flächenausbreitung. Das Serielle im Sinne
der Ermüdung, dasselbe in Wiederholung, in x-beliebiger Wiederholbarkeit.
Allerdings ist in den Bildern dann doch immer wieder – und sonst wären sie
keine Bilder – ein integrativer Charakter. Das Ganze wird durch den
Menschen ein Ganzes. Gerade das ist es, was das Ästhetische ausmacht. Man
sieht in ein Vorgegebenes, und das Vorgegebene ist vielleicht chaotisch,
vielleicht ist es geordnet, es ist zufällig, vielleicht hat es eine
einzelne Regelhaftigkeit. Aber als Ganzes hat es keine vorgegebene
Ordnung, zumindest ist sie uns nicht sichtbar, zumindest kann sie nicht
nachgewiesen werden im strikten naturwissenschaftlichen Sinne.
Und dann kommt der ästhetische Blick. Er ordnet die Dinge zusammen, er
macht aus total Disparatem eine Einheit, eben das Bild, nicht im Sinne von
Abbildungen, sondern im Sinne eines Gebildes, aber auch nicht einfach im
Sinne eines äußeren Gebildes, das Regelhaftigkeit zeigt, sondern im Sinne
eines geistigen Gebildes, einer geistigen Form. Und damit ist Kunst in
Erscheinung getreten.
So könnte man sagen, die Landschaft, in der Arrigo Wittler lebt, ist ihm
zu einem Incitamentum geworden, zu einer Anstachelung, zu einer Okkasion,
zu einer Anregung, vielleicht sogar zu einer Aufregung, die er dann wieder
erkalten ließ, aber – er hat das Fazit dieser Landschaft gezogen.
Ich weiß nicht, ob es statthaft ist, - aber gestatten Sie eine kleine
Abschweifung, nämlich die Frage, ob es sich hier auch um soziologische
oder gar anthro-pologische Probleme handelt, die sich da spiegeln. Sind
diese Agglomerate, die kaum Konglomerate sind, weil sie miteinander nicht
fest zusammenhängen, ein Bild der menschlichen Gesellschaft, oder
zumindest von gewissen Vorgängen in der Gesellschaft von heute? Ist es das
Antihierarchische, dieses nicht Gegliederte, dieses Antifunktionelle, das
wir hier wahrnehmen? Die Vorstufe dafür, dass der Mensch total manipuliert
werden kann, dass der Mensch als ein Produkt erscheint und bestenfalls als
ein Produktionsmittel? Ist es vielleicht sogar so, dass das menschliche
Hier als ein Abfall erscheint, als ein Produkt im Sinne eines
Endproduktes? Könnte man nicht, wie es in manchen romantischen Büchern der
Vorzeit der Fall gewesen ist, das, was man hier sieht, mit dem Obertitel
oder dem Untertitel „Finis“ (Ende) bezeichnen? Handelt es sich vielleicht
um einen Ausschuss, um Abfall, den man auf dem Müllhaufen findet? Sind es
nicht weggeworfene Dinge, die mitten unter den toten Naturaldingen selbst
wie der Tod sind? Ist dieser serielle Mensch, der am Fließband steht und
selbst fließbandmäßig verfertigt wird, dieses Antiorganische, das wir
wahrnehmen, dieses Phänomen Masse, das so oft besprochen wird und von dem
man trotzdem nicht weiß, ob es tat-sächlich vorhanden ist.
Denken Sie an die berühmte Radierung von James Ensor „Die Kathedrale“. Da
sieht man schon am Ende des vergangenen Jahrhunderts Kopf neben Kopf, und
es ist gleichgültig, ob diese Gesichter noch eine Ähnlichkeit oder eine
Differenz haben. Sie sind so nebeneinander geordnet, dass sie als Ganzes
Gesichtslosigkeit dar-stellen.
Das Resultat ist dieses: liegt in dem, was wir hier sehen, auch eine
Gesellschaftskritik? Dies war ein Gedankenspiel, eine unzulässige
Übertragung.
Nun, eines ist sicher, wir bewegen uns hier in einer künstlichen Natur,
ich möchte fast sagen in einer Antinatur. Das Leben ist hier
ausgeschaltet. Blut und Boden, wie sie seinerzeit beschworen und zu einem
Mystischen gesteigert wurden, sind hier in keiner Weise
vorhanden, vollkommen ausradiert und ausgekehrt. Das, was da ist, ist fast
ein plastisches Erzeugnis, kunststoffliches Erzeugnis. Immer wieder
tauchen solche fingerartigen Gebilde oder Kugelgebilde auf, von
denen wir den Eindruck haben, dass sie in der Natur nicht nur nicht
vorkommen, sondern dass sie im Grunde Antinatur sind.
Das Sachhafte, das materiell Materiale, aber nicht im Sinne der Materia
als „mater omnium“, sondern in dem Sinne des erstorbenen Materials. Ob es
jetzt Leben war oder nicht Leben war, ist gleichgültig. Die Natur
interessiert hier nicht. Die Natur ist ersetzt durch ein selbstständige
Welt, die gemacht ist. Naturreste oder Naturprodukte oder Naturabfälle
werden in diese künstliche Welt zwanglos mit Selbstverständlichkeit
eingeschaltet.
Damit befinden wir uns natürlich mitten in diesem humanistischen und
industriellen Zeitalter. Wir befinden uns im sekundären System. Wir haben
den Eindruck, dass es sich hier zum Teil um Spielzeuge, wenn auch nicht
ungefährliche Spielzeuge, handelt, um Spielzeuge, im Rahmen eben dieses
sekundären Systems, das nicht mehr Natur, sondern total Menschenwerk ist
und das an der Natur nicht interessiert ist als an einem Lebewesen oder
gar an einer magischen, mystischen Magna - Mater - Figur sondern, das die
Endprodukte der Natur zu diesem sekundären System als Bausteine verwendet,
ohne dass diese Bauten, die hier errichtet werden, einen allzu
konstruktivistischen Charakter besitzen.
In Wien fand einmal eine Ausstellung von einer sehr jungen Künstlerin
statt, die gesagt hat und die als Motto über ihren Katalog geschrieben
hat: „Kunst kommt von künstlich“. Gewöhnlich sagt man „Kunst kommt von
Können“. Philologen sagen, „Kunst kommt aus dem althochdeutschen und
bedeutet eigentlich einen Zeugungsvorgang“. Aber man kann auch sagen
„Kunst kommt von künstlich“. Es ist paradox. Kunst liebt das Künstliche
und beweist damit, dass sie kein Naturprodukt ist und beweist damit, dass
der Mensch sich von der Natur, ja sogar von der Interpretation der Natur,
emanzipieren kann. So ist es thematisch, inhaltlich, materiell mit diesen
Bildern Arrigo Wittlers, so ist es auch im Arrangement, in der
Verfahrensweise: total künstlich.
Wenn ich nun frage, welche Vorgänge von Zeitlichkeiten und Räumlichkeiten
ich hier vorfinde, so möchte ich zum Räumlichen notieren: es ist eine
Perspektive ohne Aussicht, eine nicht tiefsinnige Perspektive. Es werden
da nicht Hintergründe gezeigt, in denen man etwas Tiefsinniges, tiefer
Liegendes, sozusagen Mystisches, vermuten kann, was dem Germanischen allzu
nahe liegt, sondern es ist eine Perspektive, die abgeschnitten ist, die so
kurz ist, dass es unmöglich ist, sie anders als gebrochen, willkürlich
beendet zu sehen.
Diese Dinger haben kastenartige Natur. Sie sind sozusagen Mauerkarton. Man
hat fast manchmal den Eindruck eines Sandkastens, eines spielenden Kindes,
den man in irgendeiner Weise fixiert und nun an die Wand hängt. So ist
also der Raum als ein künstlicher Ausschnitt gesehen. Ein fast
schmerzlicher Ausschnitt, ein fast gewalttätiger Ausschnitt. Es ist der
Raum gesehen als ein Continuum von Materie, es ist nicht der Newton´sche
Raum, von dem man gemeint hat, er sei
vorhanden bevor etwas in diesem Raum ist, sondern es ist ein Raum der
modernen Physik. Wo Materie ist, da ist Raum. Räumlichkeit ist eine
Eigenschaft von Materialität. Es ist auch ein ungegliederter Raum, ein
untendenziöser Raum, ein unbewegter, unfunktionaler Raum. Es sind keine
Gestalten, die wir hier vorfinden. Der Raum formt sich nicht zu jenen
Ganzheiten, die wir Gestalt nennen und bezüglich deren es ganze
Wissenschaften gibt, etwa Gestaltpsychologie. Es handelt sich auch um
keinen Lebensraum, - es lebt hier gar nichts, - sondern um einen typisch
zivilisatorischen Raum. Es ist nicht ein Behälter für Leben, was uns
ausgeboten wird, sondern es ist eine Art von Kiste, in
der Dinge zusammengesammelt wurden, die übrig geblieben sind. Es ist also
im Grunde genommen nicht Architektur, es ist nicht dieses totale „environment“,
dieses totale „ambiente“, das heute vom Architekten und überhaupt von
Malern und Bildhauern so sehr angestrebt wird und das die Künste
integriert, indem die Künste ineinander ununterscheidbar übergehen,
sondern das Antiarchitekturale nimmt hier einen geradezu hartnäckigen
Charakter an.
Was die Zeit betrifft, so könnte man sagen, es ist nicht Zeitraum,
tendenziöser Raum, der von Bewegung hergestellt wird. Denken Sie etwa an
Plastiken oder Malerei, die uns Räumlichkeit durch Bewegung suggeriert. Es
ist eine Art toter Zeit, es ist eine Art Simultaneität, die hier gegeben
ist. Es ist aber auch nicht damit etwa das „nunc stans“, das „jetzt im
jetzt Stehende“ einer Ewigkeit symbolisiert. Es ist nicht das, was
Boethius definiert hat als „totius vitae“, als der totale und
gleichzeitige Jetzt-Besitz des totalen Lebens. Es ist nicht Geschichte,
sondern ein „nach - der - Geschichte“, etwas Undramatisches,
Un-dynamisches, postevolutionär, postprogressiv. Es ist auch nicht das
furchtbare Chaos vor der Schöpfung, so wie es in der Genesis sichtbar
wird, wo Jahve als Bezwinger des Urchaos gezeichnet wird, sondern
Nachgeschichtlichkeit. Und damit kommen wir zum letzten, zum surrealen
Charakter des hier Vorhandenen.
Die Exaktheit, die peinliche Genauigkeit hat Überwirklichkeitscharakter.
Die Outriertheit, die Kälte der Farbe weist auf dasselbe hin. Die
verfremdeten Menschenteile, die hier vorhanden sind – man denkt an
Leichenteile bei manchen Bildern – unterstreichen diesen Charakter. Die
Häufung des einmalig men-schlichen zu einer x-beliebigen Multiplikation
hat den Charakter der Unheimlichkeit, - so etwa wenn Augen oder Hände oder
Gesichter multipliziert werden, die Herausgegriffenheit dieser
Menschenteile, wie etwa die Augen aus dem menschlichen Ganzen, oder die
clownisch - dämonische Verzerrung einzelner Gesichter. Manchmal meint man,
es handelt sich um Schlamm- und Moortote irgendeiner Vergangenheit. Muster
des Todes treten auf, und es ist eine eigenartige Kälte und Leere sichtbar
in diesen anscheinend so fröhlichen Farben.
Man denkt an den Dschungelkrieg von Vietnam denkt an die vergangenen
Wüstenschlachten des Zweiten Weltkrieges.Diese eleganten Bilder, diese so
vornehmen, so sicher verfertigten, rationalen Bilder enthüllen Ängste und
Schrecken und Gefahren unseres
Zeitalters. Sie weisen letztlich darauf hin, dass Kunst keinen
dekorativen, behübschenden Charakter hat, dass Kunst das dokumentiert,
signalisiert und decouvriert, was wir vielleicht nicht wissen, - eine
unheimliche Tiefe unseres eigenen Wesens, vielleicht das, was wir nicht
wissen wollen?