„Wir haben die Hände von gestern, aber uns fehlen jene von morgen“1

Über die Skulptur `Berlin´ des Spaniers Eduardo Chillida für das neue Bundeskanzleramt

 

Markus Landt

 

Wie zwei mächtige Säulen bauen die Eisenpfeiler vor dem neuen Kanzleramt ein Tor, an deren aufgesetzten horizontalen Enden gewundene Stäbe wie Tentakel eine gemeinsame Mitte ertasten. „Berlin“ heißt die 5,50 Meter hohe und 87,5 Tonnen schwere Stahlskulptur des Spaniers Eduardo Chillida, die Bundeskanzler Gerhard Schröder am 25. Oktober vor seinem neuen Amtssitz enthüllte. Der Regierungschef sprach dabei von einem der bedeutendsten Kunstwerke und davon, dass diese Arbeit Chillidas vielleicht sogar zum Wahrzeichen für das vereinte Deutschland werde. Diese Form der Präsentation liegt nicht fern, denn in Bonn war es in den 70ern ähnlich. Wenn es zu Zeiten Helmut Schmidts und später Helmut Kohls im Bundeskanzleramt in Clausura ging, dann zeigten die Nachrichten des deutschen Fernsehens die große Bronzeplastik „Large two forms“ von Henry Moore auf den Bildschirmen. Diese Skulptur lag massiv durchdrungen  auf dem Rasen der Zentrale der Entscheidungen. Harmonisch und quasi auf Konsens angelegt, habe die Arbeit Moores damals die Bonner Republik versinnbildlicht, meint heute Gerhard Schröder. Im wiedervereinten Deutschland verkörpere aber nun die „kraftvolle, auf Annäherung dringende Arbeit Chillidas“ den neuen Zeitgeist.

Vor zwei Jahren hatte es noch eine Diskussion um die Moore-Plastik gegeben, als der Altkanzler Helmut Schmidt sich an Gerhard Schröder mit der Bitte wandte, die „Large two forms“ nach Berlin mitzunehmen. Doch das Werk blieb in Bonn. Als dann Chillida beauftragt wurde, sollte seine Arbeit genau das leisten, was auch Moore gelungen war, heißt es im Kanzleramt: Ein Kunstwerk für das Selbstverständnis der Bundesrepublik zu schaffen, das zum unverwechselbaren Zeichen werde.

 

Der Künstler und sein Werk

Eduardo Chillida wurde am 10. Januar 1924 als dritter Sohn von Pedro Chillida und seiner Frau, der Sopranistin Carmen Juantegui, in San Sebastian (Baskenland) geboren. Von 1943-46 belegte er das Architekturstudium am Collegio Mayor Jimenez de Cisneros in Madrid, welches er `47 abbrach um auf die benachbarte private Kunstakademie zu wechseln. 1948 siedelte er nach Paris über, wo er erste figürliche Arbeiten in Gips und Ton modellierte. 1951 kehrte er nach San Sebastian zurück, um dort seine erste abstrakte Eisen-Skulptur `Ilarik´, mit Hilfe des ansässigen Dorfschmiedes zu realisieren. `Eisen und Feuer´ sind die alte Tradition seines Volkes: eine baskische Wesensart. Und Chillida setzt diese Tradition durch seine Art das Eisen zu bearbeiten und mit ihm umzugehen, fort. Das Schmieden ist körperliche Arbeit, und die Vermittlung zwischen Hammer, Amboss und Eisen geschieht durch die kraftvolle rhythmische Tat. Der Hammer wird zum verlängerten Arm des Schmiedes, und mit dieser erweiterten Hand klopft, erhitzt, poliert und magnetisiert der Künstler das Eisen, bis er es in eine sinnlich wahrnehmbare und beseelte Form verwandelt hat. Baskischen Schmiede waren aufgrund ihrer Kunst der Eisenbearbeitung schon in der Römerzeit berühmt.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Bildhauer zu einem über die Grenzen Spaniens hinaus bekannten Künstler. 1954 wurden erste Arbeiten vom Guggenheim Museum New York erworben und als internationaler Durchbruch kann die Verleihung des Großen Internationalen Preises für Skulptur auf der 29. Biennale in Venedig 1958 gelten. Weiterhin seien beispielhaft seine Erfolge alleinig im deutschsprachigen Raum aufgeführt: 1959 zeigte er Skulpturen auf der documenta 2 in Kassel. 1960 erhielt Chillida von Nina Kandinsky den Kandinsky-Preis zugesprochen. 1966 erhält er den erstmalig vergebenen Wilhelm-Lehmbruck-Preis in Duisburg sowie den Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. 1968 ist er ein weiteres Mal auf der documenta in Kassel vertreten. Die Erker-Galerie in St. Gallen veröffentlichte im gleichen Jahr Max Hölzers Buch `Meditation in Kastilien´ mit Lithographien von Chillida. Anläßlich der Buchvorstellung erfolgte die Begegnung mit Martin Heidegger, was für den Beginn einer langjährigen intellektuellen Freundschaft steht. Worauf Heidegger 1969 seinen Essay `Kunst im Raum´ schrieb, den Chillida mit sieben Litho-Collagen versah. 1975 überreichte Alfred Hentzen den Rembrandt-Preis der Johann-Wolfgang-von-Goethe Stiftung in San Sebastian. 1978 Einzelausstellungen in der Kunsthalle Baden-Baden und in der Galerie Schelma Düsseldorf. 1981 die Ausstellung mit 68 Skulpturen in der Kestner-Gesellschat Hannover, wo Gerhard Schröder das erste Mal die Arbeiten des Spaniers erlebte. 1985 erhielt Chillida den Kaiserring der Stadt Goslar. 1986 wurde das Monument `La casa de Goethe´ am Taunusring in Frankfurt/Main eingeweiht. 1989 die Retrospektive mit Zeichnungen und Collagen von 1948-1989 im Städtischen Kunstmuseum Bonn. Sowie wurde Chillida im September 2000 mit dem Piepenbrock-Preis Berlin ausgezeichnet, der mit 100.000DM die höchstdotierte Auszeichnung für Skulptur in Europa ist. Es kann gefolgert werden, dass Chillida eine besonders intensive Beziehung zu Deutschland hat. Und auf die Frage, warum er die meisten Werke anderen Künstlern widme, erklärte der Bildhauer: „Ich befasse mich ausgiebig mit diesen Menschen und schulde vielen Dank, denn es gibt zahllose Menschen, die ich in der Geistesgeschichte bewundere. ...Ich bin oft so verfahren, zum Beispiel bei meiner Huldigung an Bach. Es ist `Das Haus von Johann Sebastian Bach´, weil ich diese Kraft von Bachs Lungen zum Ausdruck bringen wollte, die Macht von Bachs Musik und seinen Varianten. ...Ich erinnere mich: als ich vor ein paar Jahren in der Hagia Sophia in Instanbul war und diesen phantastischen Raum betrat, da hatte ich den Eindruck, die Lungen Bachs zu betreten. Bach ist ein Architekt, ein Baumeister, wie Masaccio oder Mantegna.“2

 

Die Skulptur „Berlin“ und ihre Entstehung

Die Arbeit „Berlin“, geschaffen für den Eingangsbereich des Bundeskanzleramtes, setzt sich aus zwei Werkkörpern mit den jeweiligen Gewichten von 43 und 44,5 Tonnen zusammen. Auf zwei vierkantigen, schräg gegenüberstehenden Stahlsäulen mit einem Durchmesser von 80cm, liegen jeweils horizontale Stählen gleichen Durchmessers mit Längen von 4,45 und 5,25 Metern. Aus diesen teilen sich je vier stählerne längliche und gebogene Kuben, die sich mittig annähern, teilweise berühren und eine sich bildende Mitte beschreiben. Die Plastik wurde im Sommer 1999 in der spanischen Stadt Reinosa geschmiedet, dann im Dezember 1999 in den Skulpturenpark der Chillida-Stiftung in Zabalaga bei San Sebastian transportiert, wo das Werk im baskischen Regen oxydierte und so die vom Künstler gewünschte Patina und rostig braun-rote Farbe annahm. Im März 2000 hatte der Künstler gemeinsam mit dem Kanzler und dem Kulturstaatsminister Naumann die Baustelle des neuen Kanzleramtes besucht und den geeigneten Standort für das Werk ausgesucht. Im September dieses Jahres nutzte Gerhard Schröder dann eine Einladung Chillidas, um die Großskulptur in der Region ihrer Entstehung und in der Heimat des Künstlers zu besichtigen. Anfang Oktober wurde die Plastik schließlich nach Berlin gebracht. Der anderthalbwöchige Transport in die Bundesrepublik erfolgte per Schiff von Spanien in die Niederlande und von dort mit einem Sattelschlepper nach Berlin. Hier wurde sie auf einen mit einer Eisenplatte versehenen Betonsockel installiert. Und jetzt steht sie da, wie ein moderner Triumpfbogen gegenüber des Reichtagsgebäudes, vor dem `Haus der Kulturen der Welt´, neben dem `Platz der Republik´ und rechterhand der Schweizer Botschaft. Sie bietet dem Besucher ein außergewöhnlich historisches Kunsterlebnis, denn diese Skulptur ist begehbar, ist durchlaufbar und durchschaubar.

Hier bietet der Künstler den Menschen ein Medium, ihrem erregten Ausdruck des Neubeginns eine Toröffnung für die Zukunft zu visionieren, durch das dieses ehemals geteilte Volk in eine gemeinsame Zukunft sehen und schreiten kann. In „Berlin“ zeigt sich ein typisches Motiv des Künstlers, das immer wieder auftaucht: der Dialog zwischen zwei Formen, die Hohlräume als Durchblicke in ein gemeinsames drittes beschreiben.

„Berlin“ ist eine Schenkung des Münchener Ehepaares Irene und Rolf Becker. Die Mäzene haben auch die Kosten für den Transport und die Aufstellung getragen. Dies ist beachtenswert, denn Mäzenatentum hat wieder Hochkonjunktur.



 

1  aus dem Interview mit Lucie Schauer von 1990, in Eduardo Chillida

    im Martin Gropius Bau Berlin, 1991.

2  ebenda

 

Textquellen:  - Eduardo Chillida „Berlin”, Hrsg. Von der Stiftung

                         Preußischer Kulturbesitz, Berlin/München 2000

-  Bundespresseagentur, Ref. Kultur und Medien,

                         Pressemitteilung vom 25.10.2000

 

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