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schernobyl ist nicht Geschichte!
Da sind träge Flüsse unter wolkenlosem Blau, da sind
Reetgraswiesen, die sich bis zum Horizont dehnen, und Erlenhaine, durchzogen
von silbrig schimmernden Wasseradern und da sind die endlosen Tannenwälder.
Das Land um Tschernobyl ist flach und von herbem Reiz.
Aber da sind auch die Schlagbäume und die Passkontrollen,
das Militär und die Warnschilder, welche dem Passanten ein rostrotes „Apasja"
(Gefahr") mit auf den Weg geben. Und all das vervielfacht sich, je näher man
dem innersten Kreis der „Zone" rückt. So heißt auch das mysteriöse und
gottlose Territorium, durch das Regisseur Andrej Tarkowskij seinen „Stalker"
irren ließ. In der Zone um Tschernobyl ist wenig mysteriös, aber einiges
gefährlich. Man lässt nur streng ausgewähltes Personal herein. Warum, sagt
einem der Geigerzähler, der anzeigt, dass die Radioaktivität 100-mal höher
ist als in Minsk. Der Natur scheint das gut zu bekommen. Der grüne Filz
rankt an Zäunen und Brücken, überpelzt Wege und Autowracks, frisst sich in
verfallene Siedlungen.
Irgendwann steht man vor einem Kreisel mit einem
verrosteten Wegweiser nach Tschernobyl. Nach ein paar Metern ist man da und
rollt durch die unbewohnten Häuserschluchten der Außenbezirke. Aber
Tschernobyl ist keine Geisterstadt. Das Atomkraftwerk wird abgewrackt und
braucht Kraftfahrer, Wachpersonal, Feuerwehrleute, Monteure, Köche, Bäcker
und Verkäuferinnen. Rund 4000 Menschen werken hier, müssen aber wegen der
starken Strahlung alle zwei Wochen ausgetauscht werden. Auch die Mitarbeiter
der Firma „Chornobylinterinform", eine große Serviceagentur für Besucher und
Fachleute, die sich aus diversen Gründen in der Region aufhalten.
Wer zum Atommeiler will, der 10 Kilometer ausserhalb der
Stadt liegt, passiert eine Reihe von Erdwällen, die wie Spargelbeete
aussehen. Darunter liegt das verstrahlte Dorf Kopatschi, das man komplett
abgerissen und vergraben hat. Kurz darauf öffnet sich der Blick über die
Pripyat - Ebene, aus der weit sichtbar fünf Reaktorblöcke ragen. Es war
Reaktor Nr. 4, der am 26.04.1986 in einer gewaltigen Explosion zerbarst, 200
Tonnen radioaktives Material in die Atmosphäre schleuderte und heute -
umhüllt von einem monströsen Betonsarkophag – dasteht wie die steingewordene
Mahnung: „Atomkraft, nein danke!"
Wir, die Fotografen Anatolij Kljaschtschuk aus Belarus
und Rüdiger Lubricht aus Niedersachsen, haben in den letzten Jahren
unabhängig voneinander die verseuchte Provinzen Weißrussland und der Ukraine
durchstreift, weil wir wissen und mit unseren Bildern dokumentieren wollten,
wie der „Super - GAU" die Menschen und eine vor kurzem noch blühende
Landschaft zugerichtet hat. Der 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe schien
eine gute Gelegenheit, unsere Arbeiten nebeneinander zustellen, um die Welt
daran zu erinnern, dass Tschernobyl immer noch strahlt, das Leid der
Bevölkerung Generationen lang kein Ende nehmen wird.
Wir haben Pripjat gesehen, die am Reißbrett entworfene
Kraftwerks-Stadt, die einmal 50 000 Einwohner hatte und noch mal so viele
haben sollte, wenn alle 12 projektierten Reaktorblöcke fertig gestellt
wären. Jetzt ist Pripjat leer, die Menschen tot, krank, vertrieben. Das
Hotel, der Markt, die Restaurants, der Vergnügungspark, die
Kinderspielplätze, das Stadion, das Schwimmbad verfallen, durch die Ruinen
pfeift der Wind.
Wir sahen den Friedhof der verstrahlten Maschinen. 2000
Bergepanzer, Hubschrauber, Löschfahrzeuge, Tankwagen, Truppentransporter,
aufgetürmt zu einem rostenden Schrottgebirge.
Wir waren im stolzen Gomel, das täglich Dutzende
Lastschiffe hinunter zur Schwarzenmeerküste sandte. Jetzt ähnelt die ganze
Stadt den Werftanlagen, die langsam am Ufer des Sosch verrotten.
Wir sind immer wieder durch die verlassen Zone gefahren
und fühlten uns oft wie am Ende der Welt. Bis wir Menschen trafen, die man
aus Geldmangel nicht umsiedeln konnte, die man bei der Evakuierung schlicht
vergessen hat oder die nicht mehr gehen wollten. Die Alten, Kranken,
Resignierten. Wir sahen sie verseuchte Pilze essen und verstrahltes Gemüse
und wir hörten sie sagen: „Anderswo gibt es zwar keine Radioaktivität, aber
auch nichts zu essen."
Wir haben die Liquidatoren gesehen oder besser das, was
von ihnen noch übrig ist, seit sie unmittelbar nach dem GAU versuchten, die
Brände am Reaktor zu löschen. Tausende sind damals gestorben wie die
Fliegen, der Rest vegetiert dahin, gepeinigt von Leukämie und Immunschwäche,
von Funktionsstörungen der Leber, des Nervensystems und der
Verdauungsorgane, von Sehstörungen, Chromosomendefekten, Erkrankungen des
Stütz- und Bewegungsapparats oder von allem zusammen.
Und wir sahen immer wieder Kinder. Von deformiertem
Erbgut geschädigte, direkt oder im Mutterleib verstrahlte Kinder. Behinderte
Kinder, Kinder mit Schilddrüsenkrebs, mit Hirntumoren und Kinder mit
Leukämie. Traurige Häuflein in Krankenbetten, die Köpfe rasiert, die kleinen
Gesichter aufgequollen von Hormonen, den Tag verdämmernd in Erwartung einer
weiteren Chemotherapie, der nächsten Laboruntersuchung, noch einer
Operation. Wir sahen die Puppen auf den Kanten der Nachttischchen, die
Ikonen auf Kissen und Fensterbänken. Wir hörten das Schluchzen der Mütter
und fürchteten die grausame Stille im Reanimationszimmer, wenn der Arzt
wieder einmal stumm den Kopf schüttelte.
Wir fühlten uns hilflos, fanden keine Worte des Trostes,
aber wir wussten, dass wir die Pflicht hatten, darüber zu berichten.
Das Tschernobylerbe wurde für Weißrussland mit einer
Bevölkerung von zehn Millionen Menschen zur schweren Last. Ein Sechstel des
Landesterritoriums ist durch Radionuklide verseucht und zu einer Quelle
höchster Gefahr geworden. Lange wurden Schilddrüsenkrebskranke in dem Land,
das 70% des radioaktiven Niederschlags abbekam, nicht als Tschernobylopfer
anerkannt, ebenso wenig wie verstrahlten Säuglingen, die nach der
Katastrophe geboren wurden. Viele der jungen sterbenden Liquidatoren haben
die wahren Gründe für ihre Erkrankungen nie erfahren dürfen.
Das Beschwichtigen und Vertuschen war unter den
Politikern im Osten wie im Westen weit verbreitet. Und viele laufen auch
heute noch mit von der Atom-Lobby gestifteten Scheuklappen herum.
Tschernobyl ist nicht Geschichte, an Tschernobyl und den Folgen leiden und
sterben auch heute noch konkrete Menschen. Darum danken wir der Stiftung
„Kinder von Tschernobyl", die dieses Buch der Erinnerung und der Mahnung
ermöglicht hat.
Rüdiger Lubricht und Anatolij Kljaschtschuk im März 2006