Bemerkungen von Herbert Albrecht zu Wulf
Hartmanns Landschaftsradierungen und Kopf - Landschaften
Das Thema "Landschaft" seit der
Renaissance als besondere Gattung der Malerei entdeckt, hatte mit den
Niederländern des siebzehnten Jahrhunderts und mit den Impressionisten
zwei Höhepunkte (wenn man von der besonderen Landschaftsauffassung der
Romantiker, insbesondere des Kaspar David Friedrichs absieht), die seitdem
nicht übertroffen wurden. Dabei darf hinsichtlich der Impressionisten die
vorlaufende Arbeit der Schule Barbizon natürlich nicht übersehen werden,
die die klassische, heroische Bildungs-Landschaft, die von Rubens
entscheidend mitgeprägt wurde, ablöste durch eine Betrachtung des Intimen,
Gestimmten und eigentlich nur dem wirklichen Wanderer Zugänglichen.
Innerhalb der expressionistischen
Bewegung hat die Landschaft keine wichtige Rolle gespielt und die
wesentliche Bildgattung, innerhalb der der Kubismus seine Probleme
durchspielte, war das Stillleben. Und was danach folgte, war noch weniger
geeignet, der Bildgattung Landschaft neue Möglichkeiten zu eröffnen:
Abstrakte Malerei, das Informel, das action painting, schließlich die
Fülle neuerer Versuche seit der Pop Art, der Land Art, seit Fluxus,
Performance, Spurensuche und vielem anderen ließen für die eher
kleinbürgerlich verhaftete Landschaftsmalerei kaum Raum.
Es bedurfte erst des Einsatzes eines
neuen Realismus, der diese Gattung neben anderem wieder aus ihrer
Dornröschenrolle erlöste und neue Hinsichten entdeckte, unter denen
"Landschaft" wieder interessant zu sein vermochte. Nicht nur wurde die
Industrielandschaft (...lange nach Hans Baluschek!) in neuen Perspektiven
gesehen - so auch bei den Malern der DDR -, nicht nur wurde die
"Verkehrslandschaft" als Indiz der gegenwärtigen Lebenswelt bemerkt, es
wurde auch die alte Landschaft unter dem Einfluss ökologischer
Betrachtungsweisen als Symptom des Verhältnisses des Menschen zu seiner
Umwelt entdeckt. Dazu hat an bestimmten Stellen auch das "Spurensicherung"
genannte ästhetische Programm einiger beigetragen, wie insbesondere an der
Arbeit von Lang und Christo ("the running fence") erkennbar wird, der mit
seinem Riesenzaun in Nordkalifornien einen entscheidenden Beitrag zur
"Entdeckung" dieser Landschaftsregion leistete, ebenso wie er mit seinen
"Verdeckungen" (Verpackungen) gleichsam durch "Wegnahme" auf die wichtige
Existenz des zumeist "Übersehenen" hinwies.
Im Zuge dieser neuen Entfaltung der
Landschaftsbetrachtung haben sich in Nordwest-deutschland meist zwei
Künstler daran gemacht, auf das meist Übersehene im Alltäglichen der
Landschaft zu verweisen, nicht nur auf ihre Intimformen - das hatten schon
die Meister von Barbizon getan -, sondern auf die lebensweltlichen oder
strukturellen Züge in der Landschaft und den Objekten, die sie
mitkonstituieren.
Die strukturellen Züge der Landschaft -
die Furchen der Äcker, den Rhythmus der Gräser und Bäume, die Wegkurven
und die Strukturen der Aufbrüche gezeigt zu haben, ist wesentlich eine
Leistung Peter Redekers, die lebensweltlichen Züge und die in ihnen
verwurzelten Gestimmtheiten - die nicht mit "Stimmungen" der Landschaft
unter dem Einfluss von Tageszeiten oder Wetter zu tun haben - sind das
Feld, das Wulf Hartmann in seinen Landschaftsradierungen entdeckt und
sichtbar macht.
Von ihnen soll hier die Rede sein. Das,
was der Blick des eilig seinen Weg und seine Zwecke Verfolgenden meist
übersieht - das deckt Hartmann auf. Da ist das "Tor 3", angesiedelt
zwischen Baum und Buschwerk, ein einfaches Holztor zwischen Steinpfeilern,
der Blick geht an ihnen vorbei auf den Hintergrund mit Fachwerk und
Rethdach. Wie sollte man so was nicht übersehen, wenn man mit den Gedanken
an des Tages Aufgaben überlastet ist, wenn das Auge nichts sieht, weil des
Geistes Aufmerksamkeit anderem zugewandt ist? Man bemerkt anlässlich so
simpler Feststellungen plötzlich etwas von dem Sinn künstlerischer
Tätigkeit: auf das hinzuweisen, was nicht bemerkt wird. Der Künstler wird
eine Art Orientierungsspezialist in der Wahrnehmung der
sinnlich-emotionalen Welt, deren lebensweltlicher und mystischer Charakter
uns unter dem dominierenden Einfluss wissenschaftlicher Verfahrensweisen
in wachsendem Maße verloren ging. Dazu kommt ein anderes, das uns bei der
Betrachtung dieser einfachen Radierung "Tor 3" auffällt: alles ist klein.
intim, tatsächlich "unbedeutend" (wirklich?), sogar die sanft klingenden
Töne der Farben haben nichts Aufregendes, das Ohr und das Auge schlagartig
Aufweckendes. Es sind gedämpfte Grüns, Braun, gelbliche und bräunliche
Töne, die mehr Gestimmtheiten suggerieren, als Objektverbundenheit
bezeugen. Ähnlich liegt es bei der "Parkgitter" benannten Radierung, in
der 1978 entstandenen "Moorlandschaft" und selbst das "Ochsenauge"
benannte Blatt ist nicht einfach ein Teil des Daches, es ist nicht
klassisches "Objekt", es ist in dem Sinne "Landschaft", in dem diese
Bildgattung eine Totale bezeichnet, in der die Lebenswelt des Menschen in
das Bewusstsein des Betrachters eingebracht wird. Das Ochsenauge erscheint
in seiner eindringlich - einfachen Form wie ein menschliches Wesen, von
dem aus Landschaft in besonderer Hinsicht gesehen werden kann. Es wird
damit Teil des lebensweltlichen Zusammenhanges, den die Philosophie seit
Husserl schon lange, die öffentliche Aufmerksamkeit erst seit der Arbeit
der Ökologen wieder entdeckt hat. Die Geräte unserer Welt gehören auch in
unsere Lebenslandschaft, sie bestimmen sie, sie verändern sie zu Gutem
oder Bösem, sie sind Ochsenauge, Tor oder Ackergerät aus dem
lebensweltlichen Zusammenhang nicht fort zu denken. So wird das Ochsenauge
zur Inkarnation der Welt der Manschen, die aus ihm auf ihr Land blickten.
Noch deutlicher, schon in den Zusammenhang der Tätigkeiten des Menschen
gerückt, ist dieser Zusammenhang im Blatt "Pfützenweg" . Das
Zuschandengefahrene des Wegs in den Furchen als Spuren menschlicher
Arbeit, den Bäume begleiten, nicht von Natur aus, sondern weil sie einst
gesetzt wurden, um Windschutz oder Schatten zu geben - das alles weist
darauf hin, dass "Landschaft" ein Ganzes ist, in dem nicht nur "Natur" ihr
Wirken erweist, sondern auch die Spur menschlicher Arbeit gesichtet werden
kann. Wenn auch nicht die menschliche "Sachwelt" hier präsentiert wird, so
umso deutlicher die Lebenswelt, das eigentliche Thema der
Landschaftsradierungen Wulf Hartmanns. Dabei ist es gleichgültig, welchem
bestimmten Objekt sich Hartmann gerade zuwendet. Ob es sich um die
"Wümmelandschaft" ob um das "Teufelsmoor" oder um einfache
"Mauerstrukuren" handelt, immer zielt dies Landschaftskunst auf das Ganze
von Natur und menschlicher Welt, damit eine "Landschaft von innen" gebend,
die ich vor Hartmann eigentlich nur noch in den schönsten
Land-schaftsradierungen von Fritz Overbeck entdeckt habe, wobei ich
hinzufügen möchte, dass dieser wesent-lichste Teil des Schaffens des
Worpsweder Künstlers bisher kaum erkannt wurde.
Kann der Terminus "Landschaft", wie das
in diesen Bemerkungen ohne vorherige Ankündigungen geschah, wesentlich als
ein Symbol, als eine Metapher für die Zusammenhänge zwischen Mensch und
Natur gesehen werden, so ist es nicht besonders verwunderlich, dass
Hartmann gemäß der seiner künstlerischen Haltung innewohnenden Entelechie
auch anderes in diesen Landschaftshorizont aufgenommen hat. Hierher
gehören die große Reihe seiner Bleistift gezeichneten Köpfe und Portraits.
Man würde nicht ganz unzutreffend von gewissen surrealistischen
Einschlägen in diesen Portraits oder Köpfen sprechen, so etwa bei dem
"Apollon", in dem das Fragmentarische, Gebrochene, die Einbrüche der Zeit,
des Mythischen und der Ver-gänglichkeit allerdings noch anders evoziert.
Denn ob es sich nun um eine nahezu mythische Person, wie den "Leonidas"
handelt, in dem menschliche Züge und Felsstrukturen zu einer Einheit
verwachsen, in der der geschichtliche Zusammenhang verdeutlicht wird, ob
der Kopf von "Modersohn" auftaucht, immer ist das Frag-mentarische, das
Unganze dieser Portraits entscheidend.
Weder "haben" wir uns selbst wirklich
ganz, noch ist das Wissen der vor uns anderen mehr als bloß Stückwerk.
Menschliche Existenz ist mit ihrer Geschichte untrennbar verbunden,
ja, meine Existenz ist meine Geschichte selbst, so wie ich nicht "in"
meiner Zeit lebe, sondern "meine" Zeit bin. So wie in den
"Versteinerungen" etwas von der Geschichte der Erde aufbewahrt ist, so in
den Köpfen von den Verstrickungen der menschlichen Existenz. In den
Aquarellen sehr deutlich, dieses Ineinandergleiten der Figuren, ihr kaum
als "Abgehobensein - vom - Grunde" zu bezeichnendes Versinken in das
Strömen der Farben. In "Angst" oder in "Schielendes Glück" ist diese
Einheit von Kopf und Landschaft als Metapher spürbar. Immer spielt auch
das Problem von "Identität und Differenz" im Problemfeld des Malers
Hartmann eine Rolle: die Identität von allem mit allem wäre das pure,
künstlerisch unerreichbare Nichts, die totale Differenz bedeutete den
Verfall an die Gegenstandswelt. Die menschliche Welt, in der es aber in
dieser Welt der Landschaften und Köpfe geht, ist eine Welt der Mitte: in
die Wirklichkeit verstrickt, sucht sie stets nach des Menschen Eigentum.