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Die energetisch-strukturalistische Manifestation
Unabhängig von der Mode, jeder Zeitströmung zum Trotz,
entwickelt sich das analytische Werk des Bremer Malers Peter-Jörg
Splettstößer. Seine Anfänge liegen in den konstruktiven und
rationalistischen Bemühungen in der Kunst der sechziger Jahre. Die in den
Raum zu allen Seiten expandierenden Rundsäulen auf der Pariser
Jugendbiennale 1967: einer der damals wichtigsten Treffpunkte der
internationalen Neoavantgarde, täuschten in ihrem skulpturalen Charakter.
Die bunte Komposition der meanderartigen Gestalt hatte nur einen Sinn: die unter den
hölzernen Deckkugeln versteckten leuchtenden Farben unauffällig, aber darum
umso durchschlagender zur Geltung zu bringen. In den siebziger Jahren hat
sich der räumliche Körper als der eigentliche Träger von Splettstößers
Farbuntersuchungen vereinfacht. Die analytische Beschäftigung mit der
Minimal – Art der Amerikaner und der mehr europäischer Worthumor sowie die
intellektuelle Ironie durchpiekten die konzeptionellen Formreduktionen aus
dieser Zeit und bestimmen auch die äußerst klare Problemstellung der Kunst
Splettstößers aus der Gegenwart. Obwohl die sich logisch selbst entfaltende
Entwicklungslinie der malerischen Konzeption durch drei Jahrzehnte hin einen
besonderen programmatischen Erklärungsversuch scheinbar überflüssig macht,
muss hier vorerst einiges über den rein menschlichen Hintergrund von
Splettstößers Bemühungen gesagt werden. Das streng analytische, an die
Untersuchung der Sprache der bildenden Kunst und nicht an die populäre
Wiedergabe des Sichtbaren angelegte Vokabular Splettstößers, das als die
Grundlage der reinen ästhetischen Forschung oder als die „Poesie der Poesie"
verstanden sein kann, entsteht – und hier entwickelt sich ein interessantes
Paradoxon – nicht, wie man es logischerweise vermuten kann, aus dem
Überdruss an der Großstadtzivilisation irgendwo in der Isoliertheit der
überfüllten Malergettos von New York, Paris oder Köln, sondern in der Mitte
einer wunderschönen Naturlandschaft Niedersachsens. Statt in der
traditionellen Hansestadt Bremen wohnt Peter-Jörg Splettstößer nämlich
lieber in deren gar nicht so nahen Umgebung. In der Moorlandschaft von
Fischerhude und Worpswede entstanden schon zu der Jahrhundertwende einige
der ersten und bekanntesten Werkgemeinschaften und Künstlerkolonien Mitteleuropas. Hier, in der flachen
Weite ohne Wälder, wo sich die ziehenden Wolken – „Worpsweder Kathedralen" –
als die Boten der Götter der Vorstellungskraft aufdrängen, bildete sich
nicht zufälligerweise auch die bis heute sich hinziehende urdeutsche
Ideologisierung der Natur aus. P.-J. Splettstößer wohnt dabei noch in dem
Haus Heinrich Vogelers, des bekanntesten Jugendstilidyllikers Deutschlands
und dem späteren bedeutenden Vertreter der aus der UdSSR kommenden
politischen Romantik. Dass er genau darum verständlicherweise das
unwiderstehliche Bedürfnis hat, jeder Geschichts- und Landschaftsschilderung
sowie der populären, erzählerischen Kulturtradition überhaupt, durch ihre
rein strukturelle „Entlarvung" endgültig den Rücken zu kehren, ist
verständlich. Der Ausgangspunkt jeder malerischen Tätigkeit, so scheint es
logisch und selbstverständlich zu sein, ist die Farbgebung, deren materielle
und rhythmische Gestaltgebung und die Rezeption, d.h. ihre Zusammensetzung
zu höheren und klar ablesbaren Einheiten. Das Logische und
Selbstverständliche, und auf das weist Splettstößers Malerei vordergründig
hin, entsprechen aber nicht immer den geschichtlichen, zumeist subjektiv und
willkürlich bedingten Zielsetzungen der Kunst. Mit dem Abdruck des in der
Ölfarbe voll eingetauchten Pinsels an der reinen Leinwand ist der Akt der
Formgebung nicht beendet; im Gegenteil: er beginnt nur. Der einzelne Strich,
die Farbspur, um zur Geltung zu kommen, verlangen die Ergänzung durch die
Andere komplementäre Spurensicherung. Der Akt der Malerei besitzt seine
eigene Dynamik und Ablauflogik. Sie kann, wie es die Pariser Tachisten um
1944 entdeckten, sozusagen als ein Nebeneffekt, zum Spiegel der Erregung,
der individuellen Wunschträume der Psyche und des Habitus werden, aber das
interessiert Splettstößer nicht. Vielmehr stehen im Mittelpunkt seiner
forschenden Tätigkeit die Materialität der Farbspuren selbst, ihr explosiv
sich ergänzendes energetisches Zusammenspiel, die vollkommene
Geschlossenheit der malerischen Handschrift, ihr klar zu rekonstruierender
Ablauf. Die Malerei trägt in dieser Auffassung keine Welt- oder
Vorstellungsbilder, keine eindeutigen Konstruktionen, nur sich selbst. Statt
der lauten Verkündung einzelner Ideologien und Formlösungen, „manifestes
Bunt", als eine sich zur Zeit gerade in Nord- und Westdeutschland
etablierende analytische Malerästhetik (Ausstellung in Essen-Kettwig, 1983)
Trotz aller seit Kandinsky fortlebenden Deklamationen sind die Farbsetzung
und die Problematik der malerischen Handschrift in sich dabei noch nicht der
gemeinste Nenner des Bildes. Die rhythmische und geschlossene Gestalt der
reinen Farbe, ihre Abstufungen wirken grundsätzlich unterschiedlich in Bezug
zur tragenden Grundfläche, an der sie agieren. Die konkreten Raum-, Licht-,
einfach die Sehverhältnisse, in denen die Farbe zur Geltung kommt und von
dem Betrachter wahrgenommen wird, sind bei fortdauernder Abwertung aller
allgemein gültigen Symboldeutungen und gesellschaftlichen
Lesart-Konventionen der Bildsprache wahrscheinlich die Entscheidenden. Die
Intensität, ja: die Tonalität und der Modus einer und derselben Farbfläche
(ihre Aussagekraft, wenn wir es so wollen: „der Inhalt") ändert sich mit dem
Abstand und der Höhe, mit dem Untergrund und der Nachbarschaft zu anderen
Farbflächen, mit der Raumsituation allgemein. Ein in gleicher Art bemalter,
sagen wir schmaler senkrechter Gegenstand, und das hat Splettstößer in den
letzten Jahren mehrfach ausprobiert, wirkt wesentlich anders als ein
traditionelles Viereckformat. Der Abstand zwischen zwei raumstrukturierenden
Kräften, ihre handschriftliche Textur und Farboberfläche definieren den Raum
selbst. Die Raumabhängigkeit, so Splettstößer, bedeutet gleichzeitig auch
die ästhetische Raumbestimmtheit. Das dialektische Zusammenspiel zwischen
den vom Raum abhängigen und unabhängigen Elementen oder zwischen den
grundsätzlichen : malerischen und den zusätzlichen : plastischen und
architektonischen Gestaltungsmitteln ergibt dabei immer neue und neue
Ergebnisse. An die oben beschriebene Raumbestimmtheit folgt so
notwendigerweise die Raumunabhängigkeit anderer Bilddefinitionen. Alle in
sich geschlossenen Arbeiten Splettstößers sind im Grunde in verschiedene
Räume transportierbar und ausstellbar. Allerdings passt nicht jedes Objekt
in jeden Raum. Stärker als bei jedem traditionellen Tafelbild stellt sich
darum die Frage des Kontextes oder der Rahmenbedingungen der Malerei, was
letzten Endes die heute schon unausweichliche und nur einzeln zu
beantwortende Frage nach der konkreten Leseart der Kunst bedeutet. Bestimmt,
auch Splettstößers Malerei entsteht in der transformierten
Auseinandersetzung mit dem mimentischen Motiv und dessen rhythmischer
Bestimmtheit. Sie steigert sich aber bewusst zum Dialog mit den eigentlichen
Trägern jeder Malerei (Volumen, Größe, Maßverhältnisse usw.) Die Malerei ist
ohne Ihren gleichzeitigen Bezug zu diesem Träger, so Splettstößer, nicht
denkbar. Aber sie hat auch ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigene
Freiheit. Während der Objektcharakter der Bilder die Raumabhängigkeit
begründet, definiert das rein malerische Element die von jedem Raum
unabhängigen elementaren energetischen Strukturen der Bildsetzung. Eines
bedingt logischerweise das andere. Und was den „höheren" Sinnzusammenhang
betrifft – es ist schon eben so: der analytischen Rolle des
wissenschaftlichen Forschers nicht unähnlich, findet die Kunst auch in den
„postmodernen" Zeiten immer neue und keineswegs marginale
Betätigungsaufgaben. Bei der relativ konstanten in sich selbst befestigten
malerischen Handschrift, so wie sie sich in den letzten Jahren in der harten
Werkstattarbeit Splettstößers herauskristallisiert hat, können in weiteren
einige andere, sagen wir mal materiell-plastischen, die haptischen und
optischen, sowohl statischen und kinetischen, besser: die energetischen
Bedingungen der Farbgebung in den Vordergrund treten. Aus dem traditionellen
Tafelbild des Mittelalters und der frühen Neuzeit ausbrechend, verwandelt
sich die Malerei in den analytischen Untersuchungen des Worpsweders in
einzelne selbständige Problemdefinitionen als Anhaltspunkt der so genannten
objektiven Malerei. Die in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts von dem Russen Filonow angetretene „organische" Malerei, diesmal aber aufgefasst nicht mehr
in der Gestalt des symbolischen Mikrokosmos, sondern als eine in sich
geschlossene Form- und Farbtektonik, schreitet die „konkrete" Kunst zu ihrer
heutigen energetisch-strukturalistischen Version. Die minimalistische
Variante, analytisch ausprobiert besonders in den sechziger und siebziger
Jahren, gehört, so scheint es, zur Zeit schon der Vergangenheit. Die
bewusste Beschränkung der Aufgaben der Malerei bedeutet dabei hier und dort
nur scheinbar deren Reduktion und Verengung. Wie gesagt, schon beim Gründer
der Avantgarde und dann weiter bei Klein, Manzoni, Rheinhardt und Newman,
aber auch bei Pollock und Francis definiert sich die malerische Handschrift,
ohne auf die alte Zeichensprache zurückgreifen zu müssen, als die konkret
und materiell tastbare Welteinheit und deren Grundstruktur. Die Malerei
Splettstößers, und das entspricht der heutigen Orientierungssuche der Kunst
überhaupt, führt diese Reihe logischerweise fort. Besser gesagt: sie
untersucht die Sinngebung der Kunst mit vollständig neuen Mitteln, mit
konkreten und realeren als die der Gründerzeit, mit Mitteln, die der
architektonischen Synthetik der heutigen Zeit zur Verfügung stehen. Dass die
analytische Wissenschaft, in der ersten Reihe die Wahrnehmungs- und
Gestaltungspsychologie, die Semantik und die strukturalistische Philosophie
der letzten Stunde (unter dem Stichwort Dekonstruktivismus) einige parallele
Fragen und sogar auch ähnliche Antworten wie z.B. die abtastende Malerei
Splettstößers findet, kann hier in keiner Weise stören. Dem Gesetz der
sogenannten guten Gestalt und deren Vervollständigung durch neue und neue
Vorschläge zur aktuellen Wahrnehmungsorganisation sind in der künstlerischen
Praxis keine konkreten Grenzen gesetzt.
Thomas Strauss, Köln, November 1989
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